Mann Meier!!


Machense mal halb lang. Da quengelt ja aus jeder Silbe die Sorge um die Wohlfahrt des ostdeutschen Volkskörpers heraus. Lassense doch die jungen Dinger ihre eigenen Erfahrungen mit der erstaunlich geringen Toleranz höherer Wirbeltiere gegenüber plötzlichem Energieabbau an fixen Hindernissen machen. Warum da so plötzlich argumentativ, nun ja, "gegensteuern"? Is doch so: Bei der von Ihnen so ausführlich und stellenweise faktenhuberisch bedauerten Übertretung der in der StVO allerdings etwas willkürlich angeordneten Geschwindigkeitsbegrenzungen (derselbe Götzendienst am Dezimalsystem wie allenthalben, als wenn die Richtgeschwindigkeit mit 83 km/h ihren behütenden Sinn verfehlte), kurz, bei dieser irrsinnigen Raserei blutjunger Vorpommeranzen im Uecker-Randow-Kreis geht es hauptsächlich um einen eher läppischen Zugewinn an Lebensreiz und Leibessensation, der freilich mit einem enormen Risiko erkauft wird. Ein Preisverhältnis, das an die schlimmsten Zeiten im Neuen Markt erinnert, wo eine Handvoll paraschlesischer Webseitenweber Millionen von Kleinsparern mit futuristischem Geschwafel um ihr Kleingespartes brachten. So scheue ich mich denn auch nicht, festzustellen: Dazu ist das Dasein nicht da!!! Die Aufgabe des Lebens ist nicht die Hatz nach supranormalen Stimuli wie noch süßer zu schmecken, noch schneller zu fahren oder mehr als nötig der elenden Popperei zu huldigen.
Unsere Vorväter wußten das und waren schwer zu überreden, ihre Gäule im Gespann zu schinden, nur um in der Haarnadelkurve bei Tempo 45 mal eben das Eiersausen zu bekommen. Aber seit der Abkehr von der"duldungsorientierten" Anpaarung in der Sauenzuchtanlage des VEG Kölsa im Jahre 1975 ist dem Landmenschen die zentrale Metapher für die Essenz des Daseins abhanden gekommen. Niemand will heute mehr duldungsorientiert leben.
(1975 wurde übrigens die natürliche Duldung der Zuchtsau in die synchronisierte Brunst überführt und der Sieben-Tage-Zyklus beim Absetzen der Ferkel eingerichtet, was die kontinuierliche Versorgung der Bevölkerung mit Mortadella ermöglichte. Immerhin was.) Menschen, die mit der untergründigen Parabeltektonik in der Geschichte der Tierproduktion nicht so intim sind, können diese Zäsur im Wechsel an der Spitze der U.K.-Charts April/Mai 1975 nachvollziehen.Tammy Wynette's Durchhaltesong "Stand by your man", eine Hymne auf das duldungsorientierte Dasein, wird im Folgemonat von David Bowies ins Tödliche entgrenzten Selbsterfahrungstrip "Space Odditiy" verdrängt. Von da bis zum Aufprall am Alleebaum ist es nur noch ein kleiner Schritt - aufs Gaspedal.
Schuld an allem ist wie immer das Fernsehen und hier insbesondere der moderne Schnittrhythmus, bei dem alles Öde, Komplizierte und physikalisch Notgedrungene herausgeschnitten wird, um auf 2 Minuten 30 zu kommen. Im Gegensatz zum Fernsehen braucht das Leben etwas länger, um zur Sache zu kommen, im Extremfall reicht es nicht hin, um zur Sache zu kommen. Wobei wir seit dem Verfall der Hochreligionen leider nicht mehr genau angeben können, worin diese Sache besteht.
Ganz richtig liegense jedoch in der Herabwürdigung des grünen Neuheidentums, für die jeder Schnitt an der hohlgebröselten Altlinde am Straßenrand keltischer Baumfrevel ist. Von der Romantik bis zur Renate Künast (Kün-ast (sic!)) zieht sich ein Spur von Wahnvorstellungen über die angemessene Bewaldung des deutschen Raumes. Hier ist auch weniger oft mehr.

Grüsse aus der Heldenstadt

Stefan Schwarz

Notizen aus der Provinz 1


Von unserem Dorf bis nach Eggesin sind es zwanzig Minuten. Vorausgesetzt man hält sich an die vorgegebene Richtgeschwindigkeit. Nur macht das hier kaum jemand, und so finden sich entlang der frisch asphaltierten Landesstraße 283 auf dem Weg von Löcknitz nach Ueckermünde jede Menge Holzkreuze, die an das frühe Ableben junger Vorpommer gemahnen. Geht es nach den Inschriften auf den mit pflegeleichten Kunstblumen liebevoll drapierten Mahnmalen, so sind es vor allem junge Fahrerinnen, die auf so grausame Weise ihr irdisches Sein beschließen.
185 Verkehrstote meldete das Schweriner Innenministerium für das erste Halbjahr 2000. Die Statistik ist nicht nach Geschlechtern unterteilt, vermerkt allerdings, dass 87 und damit 47 Prozent aller Unfallopfer ihr Leben bei sogenannten "Baumkollisionen" verloren. Zum Vergleich: Im benachbarten Niedersachsen lag der Anteil der im gleichen Zeitraum statistisch erfassten "Baumtoten" bei nur 27 Prozent.
Verständlich also, dass ein Großteil der hier geborenen Jugendlichen, diesem tragischen Schicksal zu entkommen sucht. Den jungen Männern hilft in der Regel das in der Region traditionell sehr präsente Militär. Es stellt denn mehrheitlich noch unerfahrenen Verkehrsteilnehmer robustes Fahrgerät zur Verfügung und sorgt zugleich dafür, dass sie die nötige Fahrpraxis auf Truppenübungsplätzen im Eggesiner Umland, in sorgfältig ausgesuchten Gebieten des Balkans oder am Hindukusch erlangen.
Schwerer haben es dagegen die Mädchen. Ihnen bleibt nichts weiter übrig, als unmittelbar vor oder nach Erwerb des Führerscheins in das Altbundesgebiet abzuwandern. Das Statistische Landesamt in Schwerin gab an, dass im Jahr 1999 immerhin 5097 der 9462 Zwanzig- bis Fünfundzwanzigjährigen, die das Land verließen, weiblichen Geschlechts waren. In der Gruppe zwischen 15 und 20 Jahren, lag der Anteil der geflüchteten Mädchen sogar bei mehr als 62 Prozent.
Die Politik bewertet diesem bedrohlichen Exodus, lediglich als ein Reflex auf die hohe Arbeitslosenquote, die in den dünn besiedelten Weiten zwischen Uecker und Randow, durch die sich die L 283 zieht, bei derzeit 23,3 Prozent liegt. Doch darf man getrost annehmen, dass bei der Abwanderung in den prosperierenden Westen neben wirtschaftlichen Interessen auch die Furcht davor mitspielt, durch einen jähen Aufprall aus der langen Liste der hiesigen Leistungsempfänger gestrichen zu werden.
Ein Schicksal, das die jungen Ost-Flüchtlinge in den Altbundesländern kaum ereilen kann. Finden sie doch dort erstens Arbeit und zweitens kaum noch einen Baum, jedenfalls nicht am Fahrbahnrand.
Das Primat der Straße war im Westen längst knallharte Realität, als sich mit Alexandra und ihrem "Mein Freund der Baum" zaghaft das ökologisches Gewissen auf dem Plattenteller zu drehen begann. Weshalb dann die Karriere der ebenso so schönen wie depressiven Künstlerin auch nicht mehr an einer deutschen Eiche, Kastanie oder Buche ihr abruptes Ende finden konnte, sondern nur noch an jenem großen und mit Steinen beladenen Laster, gegen den Alexandra am 31. Juli 1969 um 15 Uhr und 5 Minuten auf der Todeskreuzung in Tellingstedt bei Heide ihren Mercedes setzte.
Doch zurück ins ostdeutschen Grenzland und zu der Frage wer die Schuld daran trägt, dass hier, von der bundesdeutschen Öffentlichkeit kaum bemerkt, Baum, Borke und Mensch seit Jahren schon miteinander aufs Blutigste kollidieren. Natürlich wäre auch in diesem Fall zuvörderst das alte SED-Unrechtsregime zu nennen. Hatte es doch in einer Zeit, da man zwischen Flensburg und Freiburg die Landschaft im Dienste des Autos planierte, nichts besseres zu tun, als an seiner Westgrenze unzählige wertvolle Straßenkilometer als Schutzwall hochkant zu stellen. Ein Luxus, denn sich der marode Staat nur leisten konnte, weil er im Gegenzug die ostzonalen Fahrbahnen ebenso unangetastet ließ, wie den alten Baumbestand, der sie säumte.
Als im November 1989 das derart irrational agierende System schließlich kollabierte, war es freilich längst zu spät, um am Status quo noch ernsthaft zu sägen. Zwar zogen nun Heerscharen fleißiger Straßenbauarbeiter durch die östliche Diaspora, um ihr bestes zu geben und das Beitrittsgebiet infrastrukturell an das zwanzigste Jahrhundert anzuschließen, gegen den Baum aber blieben sie chancenlos. Hatten sich doch zu seiner Verteidigung in den ostdeutschen Amtsstuben nun die zottelbärtigen Erben Alexandras verschanzt, um fortan mit großem Pathos jedem westdeutschen Planungsingenieur zu suggerieren, dass der Schutz von Straßenahorn, Buche und Platane ebenso zum Vermächtnis der friedlichen Revolution gehöre, wie die staatliche Verhätschelung und Alimentierung von Fischotter und Großtrappe. Dagegen konnte sich selbst der Mecklenburger Christ- Leninist Günter Krause nicht wehren, der Anfang der neunziger Jahre unter der Losung "Demokratie ist gleich Asphaltierung plus Ratenkauf" die Modernisierung des ostdeutschen Verkehrswesens hemdsärmlig zu forcieren versuchte.
Zehn Jahre später hat der Osten zwar ein aalglattes Straßennetz und nicht minder schlüpfrige Kreditberater, aber eben auch noch Abertausende hölzerner Stämme, an denen Woche für Woche junge Menschen zusammen mit der Illusion zerschellen, dass Deutschland die Teilung bereits überwunden hat.

André Meier